Das überbackene Markbein vor dem Ochsenschwanz

Die gelebte Kochfreude. Ein Gedicht

Ochsenschwanzgedicht

Ein Ochsenschwanz hat drei Funktionen:
Zunächst soll er das Rindvieh schonen,
als Fächer oder Wedel dienen,
zum Schutz vor Bremsen oder Bienen,
zum Zweiten soll er auch noch zieren
und – falls die Ochsen sich genieren,
gewisse Stellen überdecken,
die nicht nur Ochsen gern verstecken.

Und wandert er dann mit dem Ochsen
zum Endspurt in die Schlachthausboxen,
dann kommt er damit – nach der Häutung
zur letzten höheren Bedeutung.
Nun sieht, – ein Sonderfall bei Schwänzen,
man ihn auf Speisekarten glänzen.

Es braucht ihn niemand zu bedauern
und seinem Dasein nachzutrauern;
im Leben war er – hintendran,
hier steht er meistens obenan
und wird als Suppe – vor dem Essen
nach seinem – inn’ren Wert bemessen.

 

Insofern ist, – streng genommen
zu Ehre nun auch Ruhm gekommen,
man wird ihn drum – vor allen Schwänzen,
mit Lorbeer würzen und umkränzen.
So geht es manchmal auf der Welt;
wer lebend hinten-runterfällt
wird oft im Tode hochverehrt –
– doch schöner wär es umgekehrt.

 

Rudolf Hagelstange
überarbeitet von Daniel Tellenbach